"Kai aus der Kiste"

Wie „Kai aus der Kiste“ sei das für ihn damals gekommen, erinnert er sich heute. Volker Küsters war Handwerksmeister, erfolgreicher Betriebsleiter in einem Freiburger Unternehmen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass der Birklehof sein fester Arbeitsplatz werden könnte. Schwer fiel ihm die Entscheidung damals aber nicht. Nach wenigen Stunden schlug er ein – und hatte sich, wie er heute sagt, „für Familie und meine heutige Leidenschaft entschieden“. Ganz so „Kai aus Kiste“ kam das Angebot allerdings nicht: Nicht nur arbeitete Volker Küsters Frau schon mehrere Jahre am Birklehof als Lehrerin für Mathematik und Chemie. Beide lebten zusammen mit ihren Kindern auf dem Gelände. Volker Küsters war zu diesem Zeitpunkt schon längst in die Internatsarbeit eingestiegen, leitete die Fußball AG, war in ständigem Kontakt mit den Jugendlichen auf dem Birklehof. Und neu war die Arbeit mit Jugendlichen für ihn ebenfalls nicht. Als Jugendtrainer im Fußballverein, als Betreuer von Jugendgruppen bei der Arbeiterwohlfahrt war er für den neuen Job wie gemacht.

Volker Küsters

Volker Küsters

„Diese Aufgabe braucht Leidenschaft und Haltung“

Nur dass er die Arbeit als Hauserwachsener nie als „Job“ bezeichnen würde. Und das nicht etwa, weil die Arbeit als Hauserwachsener kein klassischer Nine-to-five-Beruf ist, es keinen Feierabend gibt und er auch mal einen „seiner Jungs“ nachts ins Krankenhaus fahren muss, wenn diese krank sind. Sondern weil sein Beruf darin besteht, Menschen durch ihre Jugend zu begleiten und sie dabei zu unterstützen. Zum Teil geht es dabei um ganz praktische Dinge wie der Hilfestellung bei Hausaufgaben oder bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben wie dem Wäschewaschen. Oft geht es aber auch um Grundsätzlicheres, vor allem darum, wie Jugendliche lernen, respektvoll miteinander umzugehen. „Diese Aufgabe braucht Leidenschaft und Haltung“, sagt er. Der Hauserwachsene als Begleiter von Jugendlichen beim Erwachsenwerden – das ist, was Volker Küsters begeistert. Und deshalb stehen für ihn nicht Strenge und Erziehung an erster Stelle, sondern das Aufbauen einer engen persönlichen Beziehung zum Jugendlichen. Nur dann sei es möglich, den Schülern Orientierung zu geben, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und dabei ihr Verhalten zu beeinflussen.Rüstzeug dafür erhielt er in seiner Ausbildung zum Jungenarbeiter und in zahlreichen Fortbildungen. Soziale Kompetenzen, sich gegenseitig helfen und unterstützen – das sind die wesentlichen Werte, die Volker Küsters seinen Schülern auf den Weg geben möchte. „Wir gestalten hier das Leben zusammen, deshalb geht es uns als Hauserwachsenen immer um das Miteinander mit den Schülern“, erläutert er.

Ohne Abgrenzung geht es nicht

Ganz ohne Abgrenzung, ohne eigenen Raum zum Rückzug geht das nicht. Seine Wohnung, seine Familie, seine Freunde und eine Freiburger Skatrunde, das sind Volker Küsters Rückzugsorte, Möglichkeiten abzuschalten und manchmal Abstand vom Internatsalltag zu gewinnen. Bei Konflikten im Haus tauscht er sich mit seiner Frau Irina aus, versucht immer wieder, die Perspektive der Schüler einzunehmen und deren Sicht zu verstehen.

Gerade deshalb seien die kleinen Erfolgserlebnisse des Alltags so toll, etwa, wenn Schüler spontan ihre Hilfe im Haus anböten oder ein Gespür dafür entwickelten, wie es ihren Mitschülern geht. Oder das, was Volker Küsters als die „kleinen Wunder des Birklehofs“ bezeichnet, wenn Schüler, die schon jede Hoffnung auf das Abitur verloren haben, es dann am Ende ihrer Zeit am Internat doch noch schaffen. „Wenn ich mich nicht seit zehn Jahren wirksam fühlen und tagtäglich merken würde, wiemeine Arbeit etwas bei den Jugendlichen verändert und ihren Weg zum Erwachsenwerden erleichtert, wäre ich schon längst kein Hauserwachsener mehr.“